Wissenswertes über die Dechenhöhle

Geschichte
Ein Gang durch die Dechenhöhle
Geologie
Fossile Knochenfunde
Heutige Lebewelt
Literatur


130 Jahre nach der Entdeckung zieht die Dechenhöhle immer noch zigtausende Besucher aus Nah und Fern an. Insgesamt haben über 13 Millionen Menschen die unterirdische Wunderwelt im Kalkgestein des Grüner Tals zwischen Letmathe und Iserlohn besichtigt.

Auch heute noch entdecken Höhlenforscher hier immer wieder neue Höhlen und Höhlengänge, so daß die Dechenhöhle nun inmitten eines über 17 km langen, geologisch zusammengehörenden Höhlensystems liegt.

Geschichte

Die Dechenhöhle wurde im Juni 1868 von zwei Eisenbahnarbeitern entdeckt, die bei Felssicherungsarbeiten an der Bahnstrecke Letmathe - Iserlohn ihren Hammer in einem Felsspalt verloren hatten. Sie ließen sich an einem Seil den Felsspalt hinab und standen plötzlich in der ersten Halle einer wunderschönen Tropfsteinhöhle, die sich weit in den Berg hinein fortsetzte.

Unter den zahlreichen Naturforschern, die die Höhle nach der Entdeckung aufsuchten, waren der Bonner Geologe und Oberberghauptmann Heinrich von Dechen (1800 - 1889) und der Elberfelder Realschullehrer Prof. Johann Carl Fuhlrott (1803 - 1877). Zu Ehren des um die Geologie Rheinland-Westfalens hochverdienten Heinrich von Dechen wurde die Höhle "Dechenhöhle" getauft. Fuhlrott hatte 1856 als erster die Überreste eines Urmenschen aus einer Höhle des Neandertals bei Düsseldorf erkannt und ließ nun die Bodenschichten der Dechenhöhle untersuchen. Es fanden sich zwar Unmengen fossiler Tierknochen, aber keine menschlichen Überreste oder andere Kulturzeugnisse. Fuhlrott veröffentlichte 1869 die erste Beschreibung der Dechenhöhle.

Dr. Heinrich von Dechen Johann Carl Fuhlrott

Die Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft ließ die Höhle sofort zur Schauhöhle ausbauen. Der Eingang wurde mit einer Tür gesichert, Wege und Treppen angelegt, so daß die Höhle auf etwa 280 Meter Länge bis zur Kaiserhalle besichtigt werden konnte. Südlich der Kanzelgrotte und der Kaiserhalle wurden weitere Zugänge zur Höhle geschaffen, wobei der letztere bis 1921 als Ausgang diente.

Um 1910 wurde in der Wolfsschlucht eine Fortsetzung der Dechenhöhle entdeckt. Der Ausbau dieser Gänge für den Publikumsverkehr und die Anlage eines neuen Ausganges kurz vor dem westlichen Ende dauerte bis 1921. Seitdem beträgt die Länge des Führungsweges etwa 360 Meter.

Die ersten Besucher wurden von Eisenbahnarbeitern bei Kerzenbeleuchtung durch die Höhle geführt. Um die weitere Verrußung der Tropfsteine zu vermeiden, beleuchtete man die Höhle ab 1871 mit Fettgas, das in einer eigenen Gasanstalt vor dem Höhleneingang produziert wurde. Ab 1890 ersetzte dann elektrisches Licht die Gasbeleuchtung.

Schon 1869 besichtigten über 30 000 Menschen die Höhle. Zur Jahrhundertwende waren es 45000. 1951 und 1952 wurde mit über 320 000 Besuchern der Höchststand erreicht. Im 2. Weltkrieg diente die Höhle als Luftschutzraum.

Über hundert Jahre lang stand die Dechenhöhle ständig im Eigentum der zunächst privaten, dann staatlichen Eisenbahngesellschaften. Als Höhlenführer wurden meist nicht betriebsdiensttaugliche Eisenbahner eingesetzt. Ende 1983 übernahm die im Eigentum des Märkischen Kreises und der Stadt Iserlohn stehende Mark Sauerland Touristik GmbH die Höhle. Das 1979 privat an der Dechenhöhle eingerichtetes Höhlenmuseum wurde ebenfalls angegliedert.

 

Ein Gang durch die Dechenhöhle

 

Durch den drei Meter über der Bahnstrecke gelegenen Eingang gelangt man in den ersten Höhlenraum, der wegen seines kirchenähnlichen Gewölbes Kapelle getauft wurde. Über der Eingangstür weisen die Jahreszahl 1868 und ein Pfeil auf die Entdeckungsstelle der Höhle hin. Im hinteren Teil des Raumes liegen zahlreiche umgestürzte und herabgefallene Sinter verkittet auf der Bodensinterschicht. Dort befindet sich auch die Stalagmitengruppe "Heilige Familie". Im Hintergrund verbirgt sich die durch Abräumung der Bodensinter geöffnete Knochengrube, deren Sedimente sich unter die Eingangshalle fortsetzen.


Durch ein tunnelartiges, niedriges Gangstück, Gletschergrotte genannt, erreicht man den langestreckten Laubengang, der zierliche Tropfsteinsäulen und Sintergardinen aufweist. Von dort führt ein Tunnel nach Westen bis zur Orgelgrotte, deren westliche Gangbegrenzung mit den üppigen Tropfsteinkaskaden der Orgel geschmückt ist .

An dem vielfach gewundenen und gerippten Vorhang der Vorhanggrotte vorbei wird die Königshalle erreicht. Hier zeigen sich an der südlichen Wandseite sehr deutlich die mit ca. 70 Grad nach Norden einfallenden Kalkbänke. An Versteinerungen sind vor allem Brachiopoden gut zu erkennen. Ausgangs der Königshalle stehen rechterhand zwei mächtige Stalagmiten der älteren Sintergeneration.


Die Kanzelgrotte verdankt ihren Namen einem in Form einer Kirchenkanzel ausgewaschenen, herabhängenden Felsstück. In der Mitte hängt von der Höhlendecke der "Kronleuchter" herab, vielleicht die schönste Stalaktitengruppe der Dechenhöhle.


Eine Treppe führt aus der Kanzelgrotte etwa 8 m hinauf auf Versturzfelsen in die Nixengrotte zum 1,50 m tiefen, zauberhaft schimmernden "Nixenteich". Von dort wandert man am Blockfeld der Höllenschlucht vorbei wieder treppab in die Grufthalle. Hier erinnert ein umgestürzter länglicher Tropfstein an einen Sarg. An der Rückwand der Halle schlängelt sich ein durchscheinender Tropfsteinvorhang hinab, dessen rotbraune Streifen auf Einlagerungen von Eisenoxyd zurückzuführen sind.

Der Weg führt weiter zur Palmengrotte, deren Prachtstück die 2,80 m hohe "Palmensäule" ist. Daran schließt sich die Säulenhalle an, die mit mehreren Säulen und zahlreichen kleinen und größeren Sinterbecken geschmückt ist.

Die Wände der Kristallgrotte sind mit Stromatoporen und Korallen bedeckt. Auf Boden und Rändern eines langgestreckten flachen Teiches haben sich tausende kleiner Calcitkristalle gebildet.

An vier großen Stalagmiten vorbei wird die Kaiserhalle erreicht. Rückblickend bewundert man eine mehrere Meter hohe Sinterkaskade, die nach unten in langen Sintervorhängen ausläuft. Oberhalb der Kaskade führt ein schmale Kluft aufwärts, bis feine Wurzelfasern die Nähe der Oberfläche anzeigen. Dauerregen erreicht hier schon nach etwa 24 Stunden den Hauptgang, während es im Bereich der "Orgel" einer mehrwöchigen Schlechtwetterperiode bedarf, bis der Regen in die Höhle eingedrungen ist.

Mit dem größten Raum der Höhle, der Wolfsschlucht, ändert sich die Ausformung der Höhlenganges. Bis hierhin wechselten tunnelförmige, dem Schichtstreichen folgende Gangstücke mit an Nord-Süd-Klüften entstandenen, deutlich höheren Gangpartien ab. Nun wird der Gangverlauf stark durch Versturz und eingebrachte Sedimente überprägt. Auf alten Fotos ist der gesamte Bodenbereich der Wolfsschlucht mit abgestürzten Blöcken bedeckt. Hier wurde der Führungsweg durch Sprengungen und Abgrabungen angelegt.

Kurz vor dem künstlichen Ausgangsstollen grub man sich unter einem tropfstein-geschmückten Sintergang hindurch etwa 2 m tief in die Bodenschichten hinein. An den Wänden sind mehrere horizontal verlaufende Sinterdecken zu erkennen, die eine wechselnde Abfolge von Sinterbildungen und Sedimentablagerung belegen.

Das westliche Ende der Dechenhöhle wird in einer mit Sediment und großen Versturzblöcken verfüllten Kluft erreicht. Da die Höhle hier nur wenige Meter unter der Oberfläche liegt, ist sie vermutlich durch offene Spalten oder Deckeneinbruch mit Sediment versiegelt worden. Zwanzig Meter davor führt ein künstlicher Stollen wieder ans Tageslicht.

 

Geologie

Die Dechenhöhle befindet sich in einer nur wenige hundert Meter breiten Massenkalksenke, die sich von Hagen ostwärts bis in das Hönnetal bei Balve erstreckt. Diese sehr reinen Kalksteine wurden und werden in großen Steinbrüchen abgebaut. Sie entstanden vor etwa 370 Millionen Jahren im oberen Mitteldevon, als der nördliche Teil des heutigen Sauerlandes von einem flachen, lichtdurchfluteten tropischen Schelfmeer bedeckt war. Je nach Wassertiefe lagerten sich Stromatoporen (Kalkschwämme) und Korallen, Schnecken und Brachiopoden (Armfüßer) oder einzellige Kleinstlebewesen mit ihren Kalkgehäusen im seichten Wasser zu ausgedehnten flachen Riffkrusten, sogenannten Biostromen an.

Im nachfolgenden Karbon wurden die Kalksteine zusammen mit den unter- und überlagernden Sand- und Tonsteinen zum varistischen Mittelgebirge aufgefaltet. Daher sind die ursprünglich waagerechten Gesteinsschichten in der Dechenhöhle und ihrer Umgebung heute schräg verstellt. Das spröde Kalkstein zerbrach bei diesen Faltungsvorgängen wiederholt.

Aus dem Zeitalter der Dinosaurier (Trias, Jura, Kreide) sind aus der Umgebung der Dechenhöhle keine wesentlichen Zeugnisse bekannt.

Vor etwa 20 Millionen Jahren im Tertiär begann sich das heutige Sauerland langsam emporzuheben. Schließlich führte eine Klimaverschlechterung vor etwa 2 Millionen Jahren zum Eiszeitalter (Quartär). Phasenweise wechselten sich Kalt- und Warmzeiten ab. Zu Beginn der Kaltzeiten tieften sich die Flüsse erosiv in den Taluntergrund ein und der Grundwasserspiegel sank ab. In den Warmzeiten dagegen blieben die Talauen und somit der Grundwasserspiegel weitgehend unverändert. Zu diesen Zeiten konnten Risse und Fugen im Kalkgestein durch kohlensäurehaltiges Grundwasser aufgelöst und zu Höhlen erweitert werden. Durch das Absinken des Grundwasserspiegels in der nachfolgenden Kaltzeit fiel die entstandene Höhle trocken, so daß sich auf einem unteren Niveau im Berg später ein neues Höhlensystem entwickeln konnte. Die Dechenhöhle diente so lange Zeit als unterirdischer Entwässerungskanal und als Flußlauf. Vermutlich bildete sie sich in ihrer heutigen Gestalt vor 500.000 bis 700.000 Jahren. Heute fließt das Wasser in der 25 m tiefer gelegenen Knitterhöhle. Alle Höhlen des Grünerbach- und Lennetals erstrecken sich weitgehend auf verschiedenen horizontalen Niveaus.

In den trockengefallenen Gängen der Dechenhöhle begann die Tropfsteinbildung in der nachfolgenden Warmzeit. Das in den Untergrund eindringende Regenwasser löst entlang von Rissen und Klüften Kalk auf. Dieses mit Kalk gesättigte Sickerwasser gibt beim Eintritt in die lufterfüllte Höhle Kohlendioxid ab. Als Folge scheidet sich ein Teil des gelösten Calciumkarbonats als Tropfstein (Höhlensinter) aus. An der Höhlendecke bilden sich herabwachsende Stalaktiten, auf dem Boden entstehen durch das auftreffende Wasser nach oben wachsende Stalagmiten. An manchen Stellen vereinigen sich Stalaktiten und Stalagmiten zu Säulen. An den Wänden abrinnendes Wasser erschafft hauchzarte Sintergardinen. Darüberhinaus finden sich zahlreiche weitere Sinter- und Kristallbildungen in der Dechenhöhle. Mittels der aufwendigen physikalischen Thorium-Uran-Methode wurde das Alter einiger Tropfsteine bestimmt. Die älteste Datierung ergab einen Wert von etwa 235.000 Jahren. Die jüngsten Tropfsteine sind nach der letzten Eiszeit gewachsen und sind somit an der Basis etwa 12.400 Jahre alt. Das Tropfsteinwachstum schreitet heute weiter fort.

 

Fossile Knochenfunde

babybaer.jpgIn den mehrere Meter tief herabreichenden Bodenschichten der Dechenhöhle wurden tausende Knochen und Zähne der Tierwelt des Eiszeitalters entdeckt, die durch früher vorhandene Spalten oder Eingänge in die Höhle geschwemmt wurden. Vorherrschend sind Überreste des Höhlenbären, vertreten sind auch Höhlenlöwe, Höhlenhyäne, Rentier, Riesenhirsch, Mammut und wollhaariges Nashorn. 1993 entdeckten Höhlenforscher einen vollständig erhaltenen Oberschädel des seltenen Wald- oder Merck´schen Nashorns in einer Nebenhöhle der Dechenhöhle. Dieses Nashorn lebte im Gegensatz zu seinen behaarten Verwandten in den Warmzeiten und ist vor etwa 80.000 Jahren ausgestorben. Der Schädel ist im Höhlenkundemuseum ausgestellt. Januar 2000 wurde bei einer wissenschaftlichen Grabung das Skelett eines Höhlenbären-Babys entdeckt.

Spuren der Anwesenheit des Menschen wurden bislang in der Dechenhöhle nicht gefunden. Allerdings gibt es Zeugnisse einer Besiedlung des Grüner Tals durch Neandertaler, wie Funde von Steinwerkzeugen in benachbarten Höhlen belegen. Darüberhinaus fanden Höhlenforscher 1992 in der talaufwärts gelegenen Bunkerhöhle vom Urmenschen bearbeitete Skeletteile einer 45.000 Jahre alten Rentierkuh. Auch diese Knochenfunde sind im Museum zu besichtigen.

 

Heutige Lebewelt

Höhlen in Mitteleuropa werden nur von wenigen Tierarten aufgesucht. Dunkelheit, die hohe Luftfeuchtigkeit und die gleichbleibende Temperatur von 8-10°C stellen hohe Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit der Lebewesen. Die dauerhaft in Höhlen lebenden Tiere sind Kleinlebewesen, die der Höhlenbesucher kaum bemerken wird. Auffallender sind da die Fledermäuse, die vereinzelt in der Höhle umherfliegen. Am häufigsten kommt die Wasserfledermaus vor. Im Winter wurden vereinzelt auch Mausohr und Langohr beobachtet. Im Eingangsbereich der Dechenhöhle bauen die bis zu 5 cm großen Höhlenspinnen ihre Netze. Des weiteren überwintern manche Falterarten wie Zackeneule, Wegdornspanner und Tagpfauenauge in den eingangsnahen Höhlenbereichen.

In beleuchteten Höhlen wie der Dechenhöhle entwickeln sich in der Nähe der Lampen Algen, Moose und Farne zu einer Lampenflora. Pilze siedeln vereinzelt auf Fledermauskot oder Nahrungsresten von Tieren und Menschen.

 

Literatur

Zur Dechenhöhle:

Fuhlrott, J.-C. (1869): Die Höhlen und Grotten in Rheinland-Westphalen. - 120 S. ; Iserlohn.

Fuhlrott, J.-C. (1869): Führer zur Dechen-Höhle. Die neue Tropfsteinhöhle in der Grüne und ihre nächste Umgebung. - 27 S.; Iserlohn.

Hammerschmidt, E., Niggemann, S., Grebe, W., Oelze, R., Brix, M.R. & Richter, D.K. (1995): Höhlen in Iserlohn . - Schriften zur Karst- und Höhlenkunde in Westfalen, 1: 154 S.; Iserlohn.

Niggemann, S. (1998): Geologische Kartierung des Sedimentinventars der Dechenhöhle. - Speläologisches Jahrbuch - Verein für Höhlenkunde in Westfalen e.V., 1997: 23-60; Iserlohn.

Hammerschmidt, E. & Niggemann, S. (1998): Führer zur Dechenhöhle. - Schriften zur Karst- und Höhlenkunde in Westfalen, 2: 20 S.; Iserlohn.

 

Aufsätze zur Dechenhöhle und benachbarten Höhlen:

- Mitteilungen & Berichte der Speläogruppe Letmathe (bis 1992)

- Speläologisches Jahrbuch- Verein für Höhlenkunde in Westfalen (ab 1993)

 

Allgemeines über Höhlen:

Kempe, S. (1997): Welt voller Geheimnisse- Höhlen. - HB-Bildatlas Sonderausgabe 17: 114 S.; Hamburg.

Rosendahl, W. & Krause, E.B. (Hrsg., 1996): Im Reich der Dunkelheit - Höhlen und Höhlenforschung in Deutschland. - 159 S.; Gelsenkirchen, Schwelm.

Zygowski, D.W. (1988): Bibliographie zur Karst- und Höhlenkunde in Westfalen (unter Einschluß des Bergischen Landes). - Abhandlungen aus dem westfälischen Museum für Naturkunde, Beiheft, 50: 295 S.; Münster.



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